Unfall in den Clare Glens

Sonntag, 28. Oktober 2018, ein traumhafter, trockener und sonniger Herbsttag. Die Tage zuvor hatte ich mir schon Gedanken gemacht wo ich wohl ein paar nette Bilder zum Thema "Herbst" schießen könnte, sofern das Wetter am Wochenende mitspielt. Die Wahl fiel auf die Clare Glens - Ein Waldgebiet mit einem ca. 4km lagen Rundwanderweg zwischen den Grenzen zu den Counties Tipperary und Limerick, das entlang des Flusses Annagh verläuft.

Dort gibt es diverse Wasserfälle und Schluchten und dies sollte ideal für meine geplante Unternehmung sein. Ich kannte den Wanderweg noch von meinem ersten Besuch in Irland 2011 und war seit dieser Zeit nicht mehr dort.

Da das Ziel nur eine knappe Autostunde entfernt lag, fuhr ich am späten Vormittag los und kam gegen 11:00 am dort eigens angelegten Besucherparkplatz an. Mit Rucksack, Stativ und einem zusätzlich in einer Umhängetasche verstauten, etwas größeren Objektiv, machte ich mich auf den Weg. Nach einigen Metern verlief ein schmaler Trampelpfad vom normalen Weg ab, hinunter in Richtung Fluss. Wenn ich wirklich Bilder von diesem Fluss und den kleinen Wasserfällen haben wollte, musste ich den vorgegeben Weg verlassen. Dem ausgetrampelten Pfad nach war ich nicht der erste, der diese Idee hatte.

Nach einigen Minuten über kleinere Felsbrocken war ich unten am Flussufer angekommen und dort bat sich mir ein traumhafter Anblick. Der Fluss mit seinen diversen kleineren Wasserfällen lief mitten durch felsiges Gestein, das von frischen, noch rötlich-braunen Blättern und grünen Farnen bedeckt war. Darüber hingen lange, von Moos bedeckte und mit Blättern behangene Äste, die teilweise bis ans andere Ufer hinüber ragten und dem ganzen Bild ein Dach aus diversen Grüntönen verliehen. Die Szene war ideal für einige Langzeitaufnahmen.


Nachdem die ersten Bilder gemacht waren ging es am Ufer entlang, über eine leicht ansteigende und nach einigen Metern wieder abfallende Treppe aus kleinen Steinplatten die mich zum nächsten Punkt führte, der es wert war auf meiner Speicherkarte festgehalten zu werden. Die flachen, großflächigen Steinplatten am Flußufer ließen es zu, dass ich auf ihnen herumspazierte und den dort am Wasser liegenden Baumstamm von diversen Winkeln fotografieren konnte. Von oben herab bahnten sich die Sonnenstrahlen Ihren Weg durch die Baumkronen und verliehen dem Bild einen märchenhaften Anblick. Jetzt müsste nur noch ein Kobold aus dem Unterholz auftauchen und die Szene wäre komplett gewesen.

Auf der Suche nach dem nächsten geeigneten Standort für meine Herbstbilder ging es weiter am Flussufer entlang, jedoch wurde der begehbare Pfad deutlich enger und ich musste, bzw. sollte einen großen Schritt ca. einen Meter nach unten machen. Da ich mich an der linken Seite der immer tiefer werdenden Schlucht kaum festhalten konnte entschied ich, das kurze Stück eher zu hüpfen als zu steigen, denn Boden auf dem ich landen sollte, war ebenfalls ziemlich flach was eine ordentliche Landung versprach.


Ich kann mich heute nicht mehr genau an die nächsten Sekunden erinnern, ich weiß nur noch, dass ich den geplanten großen Schritt nach unten gemacht hatte aber den zweiten oben gebliebenen Fuß nicht korrekt nachziehen konnte, da sich dieser scheinbar durch die dicke Sohle meiner Wanderschuhe etwas am dem felsigen Vorsprung verhakte (so ist jedenfalls meine Vermutung). Ich stürzte also fast kopfüber, mit der vollen Ausrüstung auf den Rücken geschnallt, einen guten Meter nach unten in Richtung Felsboden.


Meine exakte Erinnerung setzt an dem Punkt wieder ein, an dem ich mit dem rechten Bein teilweise im Wasser liegend realisierte, dass mein Vorhaben doch etwas anders verlief als geplant. Im selben Moment machten sich auch große Schmerzen am rechten Handgelenk bis zur Mitte der Elle bemerkbar. Noch unter Schock, legte ich erstmal meinen Rucksack ab. Das Stativ und die separate Objektivtasche lagen etwas entfernt von der Absturzstelle, aber im trockenen.

Mein erster Blick ging nun zu meinem rechten Arm. Es war kein Blut zu sehen, was erstmal positiv war, dann tastete ich meinen Unterarm Zentimeter für Zentimeter ab, immer darauf gefasst, gleich ein Stück eines gebrochenen Knochens zu spüren, aber nichts dergleichen... ok, jetzt war ich erstmal etwas beruhigt. Mein Handgelenk konnte ich auch drehen und knicken (wenn auch nicht so weit wie üblich), daher vermutete ich. aufgrund der Schmerzen, die eher stärker als schwächer wurden, eher eine Verletzung der Sehnen oder etwas ähnliches.


Die Nächste Untersuchung galt meinem Equipment. Das Stativ sah gut aus, die Objektivtasche auch und der Rucksack war ohnehin zu und trocken. Naja, zumindest kein finanzieller Schaden dachte ich obwohl ich die Kamera und die kleineren Linsen darin nicht untersuchte, denn ich hatte jetzt andere Sorgen auch wenn mich ein Sturz während dem Fotografieren einen 4stelligen Betrag kosten könnte wenn die Kamera z.B. mit dem Objektiv darauf aus 1,5m auf einen Felsen knallt oder irgendwo im Fluss verschwunden wäre.

Aber jetzt ging es darum, schnell nach Hause zu kommen. Mein Glück im Unglück war, daß sich meine Verletzungen nur auf einen Arm beschränkten. Es hätte weitaus schlimmer kommen können, ein Sturz mit dem Kopf auf den Felsen mit anschließender Bewusstlosigkeit (oder schlimmer) oder ein Beinbruch. Das Problem in den Clare Glens ist, der Handyempfang in der Gegend ist nicht besonders, zumal ich mich einige Meter unten am Flussbett und nicht auf dem weiter oben gelegenen Waldweg befand. Selbst wenn ich um Hilfe rufen würde... wie schnell würde jemand reagieren bzw. würde mich überhaupt jemand da unten hören?

Dem Parkplatz nach zu urteilen, waren an dem Tag nicht viele Besucher dort und wenn sich die Insassen der 3-4 Pkws die ich bei meiner Ankunft sah, auf den ca. 4km langen Wanderweg verteilten, war die Wahrscheinlichkeit gering, daß gerade jetzt jemand oben entlang läuft der Hilfe holen kann.


Aber genug der Spekulation, ich konnte ja gehen. Mit Mühen und dem schmerzenden Arm schaffte ich es, meine Ausrüstung zusammenzupacken und einen nahe gelegenen schmalen schlammigen Pfad nach oben zu klettern. Mit dem linken Arm konnte ich mich zusätzlich abstützen und nach oben ziehen. So kam ich nach einigen Minuten, wenn auch leicht erschöpft, oben an und machte mich auf den Weg zurück zum Auto.


Jetzt kam die nächste Herausforderung. Am Auto angekommen, musste ich meinen Schlüssel aus der rechten Hosentasche meiner eng sitzenden Jeans fischen. Irgenwie schaffte ich das mit der linken Hand, jetzt konnte ich den Kofferraum öffnen und die Ausrüstung dort verstauen.


Ich dachte daran, dass ich ja bei der Anreise Maut bezahlt hatte. Das heißt, auch auf dem Heimweg musste ich die 2€ parat haben. Da ich einen Geldbeutel besitze der sich etwa wie Wildleder anfühlt und dieser ebenfalls nass wurde bestand meine neue Aufgabe darin, diesen irgendwie aus der Gesäßtasche meiner durchnässten Hose zu ziehen. Mit dem schmerzenden Arm hatte ich keine Chance. Ich sah mich schon in Gedanken meine Jeans bis zu den Knien hinunterlassen, damit ich dann mit der linken Hand in die rechte hintere Tasche kam. Zum Glück kam gerade ein Pärchen auf dem Parkplatz an und ich fragte den Mann, ob er mir nicht behilflich sein könnte und mir meinen Geldbeutel aus der Tasche ziehen könnte, denn ich vermutete einen gebrochenen Arm und muss nach Hause fahren.


Sein Blick: Unbezahlbar, aber er half mir und mit dem befreiten Portemonnaie in der Hand setzte ich mich nun ins Auto und fuhr in Richtung Heimat, nachdem ich, unter vor Scherz zusammengebissenen Zähnen, mit der rechten Hand den Zündschlüssel drehen konnte.

Nachdem ich zu Hause angekommen war, fuhr ich mit dem Taxi ins örtliche Krankenhaus in Ennis. Nach dem Röntgen und einigen Stunden warten war klar: Radiusfraktur... Erstmal Gips dran und am Montag nach Limerick ins Universitätsklinikum zur OP. Dort bekam ich genau an Halloween eine Metallplatte eingeschraubt und das wars dann mit Fotografieren für den Rest des Jahres.


Nikon D750 - f/8 - 0.8sec - 38mm - ISO200

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